eigenartig.es

— für die Entfaltung der eigenen Art und eigenständiges Denken

Mode im Wald und Waffen im Zug

Was für ein verrückter Abend. Nachdem ich mich von meinem temporären Zuhause in Kennington nach Paddington durchgeschlagen hatte um nun endlich in die Bahn nach Stroud zu steigen, wartete die erste Überraschung beim Ticketkauf auf mich. Stolze 42,00 Pfund kostete mich meine Anreise zum Performancespektakel „CUT 2 ON FOLD“. Wer mit „National Rail“ fahren will sollte möglichst Frühbucher sein… Ich hatte 1 ½ Stunden Fahrt vor mir die ich mit dem „Very“-Magazin vertrödelte das mir eine junge Frau vor dem Bahnhof in die Hand drückte. Über 60 Seiten die mir vorstellten wie ich „Very“ trendy, sophisticated oder natural aussehen kann. „Very“ ist ein Internetportal auf dem Fashionvictims ihren Style vorstellen, ihre Mitstreiter und aktuelle Kollektionen „Very ….“ finden können. Das wichtigste an der ganzen Geschichte ist aber der Internetshop in dem man sich das vermeidlich very-tolle Outfit bestellen kann. Naja, ein Blick aus dem Fenster zeigte dass ich schon lange die große bunte Stadt verlassen hatte. Wiesen, Wald und vereinzelt ein paar hübsche Häuser zogen vorbei, fast wie Zuhause. In Stroud angekommen verschwand mein Magazin very-schnell im ersten Mülleimer am Bahnsteig.

Kristin, eine der Performancekünstlerinnen von CUT 2 ON FOLD, hatte mir eine Mitfahrgelegenheit nach Woodchester Mansion organisiert und so wartete ich mitten im Nirgendwo auf Tim. Punkt 18.00 Uhr stand plötzlich ein großer schlanker Mann in schlichter blauer Jeans und schwarzen Jackett neben mir. Gemeinsam ging es nun einmal quer durch die Stadt, über unzählige Kreisverkehre und kleine Landstraßen auf denen sich Kühe rumtrieben. Auf dem Weg erfuhr ich etwas mehr über den Ort und meinen Chauffeur: Stroud ist die Stadt Englands mit den meisten Rudolf Steiner Schulen, 13.000 Einwohner und Damien Hirst hat hier sein Atelier. Tim spricht fließend chinesisch, ist Textilkünstler und eröffnet am kommenden Samstag seine Ausstellung „Vocation: „Woven Textiles by Tim Parry Williams“. Mitten in der Pampa, ich hatte völlig die Orientierung verloren, parkten wir auf einem Feld. Hier standen schon ein paar andere Autos und ein kleiner ziemlich alter weißer Bus. Ein hecktischer Busfahrer wies uns an in den Bus zu steigen. 1 ½ km fuhren wir auf einem holperigen Padweg durch einen wunderschönen alten Wald und erreichten eine Lichtung in der sich Woodchester Mansion befand. Eine wundervolle im 19. Jahrhundert erbaute viktorianisch-gotische Villa. Mir wurde gesagt es soll etwas „spooky“ sein und so war es, der Bauherr hatte 1873 plötzlich kein Geld mehr und so stoppte der Bau und Woodchester Mansion wurde niemals vollendet. So fehlte in manchen Räumen die Decke, Fester, Türen oder Treppen.

Am Eingang gab es für jeden Gast einen Button und ein kleines Heft mit dem Grundriss des Gebäudes und einigen Erklärungen.

In einem wundervoll gestaltetem Raum mit Kamin, Bar und einigen Schneiderutensilien sammelten sich die Gäste. Liz eine der Veranstalterinnen von Studio Seven erzählte mir sie erwarten 150 Gäste, das Ticket kostetet 15 Pfund.

Um halb 8 ging es los. Eine der Veranstalterinnen erklärte den Ablauf des Abends. Es sollten sich vier Gruppen bilden, die Farben der Eintrittbuttons gaben die Gruppenteilung vor. Die vier Gruppen starteten gleichzeitig in vier verschiedenen Räumen. Zu sehen waren insgesamt 7 Räume / Performances je ca. 5 Minuten. Das Ganze war unglaublich gut vorbereitet und koordiniert.

Jeder Raum erzählte seine eigene Geschichte, so gab es den Raum der strengen Schnittdirektrice die uns humoristisch lehrte mehr zu nähen, uns dieser Aufgabe hinzugeben und mehr Kleider zu tragen. Hinter ihr ein liebevoll gestalteter Schnitttisch mit Schnittmustern, Stimmungscollagen, Nähmaschine und allen Dingen die das Designerherz höher schlagen lassen. In einem anderen Raum saß eine junge Frau vor dem Kamin, ging dann zu ihrem Sekretär und begann zu schreiben, sie schrieb und schrieb doch schienen ihr nicht die richtigen Worte über die Feder zu gehen. So warf sie alles auf den sandigen Boden und sprang federleicht von Papier zu Papier, setzte sich wieder zurück vor den Kamin und verfiel zurück in Gedanken… In einem anderen eher düster eingerichteten Raum tanzte ein Mann mit Reifrock neben seiner Kreation, einem wunderhübschen auf eine Büste gezogenem Abendkleid.  Er nahm es ab, seine Stoffschneideschere in der Hand, und trug es durch den Raum. Unzufrieden, unruhig war er. Als wäre er sauer auf etwas oder jemanden. Er tanzte mit dem Kleid und schnitt es schließlich an der Taille in zwei Teile. Mit dem Rock tanzte er als wünschte es sich einen lebendigen Körper in seiner Kreation.

Die Kostüme waren wundervoll mit unglaublich vielen Details und wirklich spannenden Schnitten. So trug die strenge Schnittdirektrice ein schlichtes eierschalenfarbenes Kleid bestückt mit Paspeltaschen, aufgesetzten und eingesetzten Taschen, welche mit runder Taschenklappe und eckiger. Aufwändige Kragen, Papierkleider, Raffungen und selbstgebastelte Perücken durften bestaunt werden.

Dann war die Prinzessin die die Treppe hinauf und hinunter schritt und sich von mal zu mal ein weiteres Kleidungsstück anzog. Nicht zu vergessen das junge Mädchen, dass sich mitten im Raum auf den kalten Steinboden setzte und begann die vielen Meter Stoff ihres Tellerrocks um sich herum zu drapieren.

Die ganze Veranstaltung ging ca. 90 Minuten und endetet damit, dass Kristin den langen Flur entlang schritt und hinter sich statt einem roten Teppich ein überdimensionales Maßband ausrollte auf dem alle Akteure hinaus in die Nacht schritten. Was für ein Bild – fantastisch! Die Gäste waren mehr als begeistert! Aber bevor ich das alles verarbeiten konnte musste ich, da noch kein Shuttletransport fuhr, mit Tim 1,5 km durch den Wald rennen um zum Auto zu gelangen und den letzt Zug nach London zu bekommen. Hat haarscharf geklappt – endlich nach Hause dachte ich aber Pustekuchen. Nach 40 Minuten Zugfahrt war plötzlich großer Trubel in meinem Abteil eine völlig zugedrogte Alte behauptete sie hätte eine Waffe, plötzlich hielt der Zug und 5 Polizisten und Securities wuselten herum bis sich heraus stellte, nein, die Frau hatte keine Waffe aber zufälligerweise der schlafende Mann fünf Sitze hinter mir. Kurzerhand wurden beide festgenommen, ich und meine Nachbarin haben nur noch Bahnhof verstanden und mit einer halben Stunde Verspätung konnten wir endlich weiterfahren. Der Fahrkartenkontrolleur erklärte uns später dass dies der normale Wahnsinn wäre und wir gern seine restliche Schicht übernehmen können. Wir haben dankend abgelehnt und trudelten wenige Minuten später in Paddington ein. Was für ein schräger Abend.

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This entry was posted on Sunday, September 6th, 2009 at 8:51 pm and is filed under Artist, Designer, Event and Exhibition. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. Both comments and pings are currently closed.

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